Alexander Veidt ist CEO bei Janitza (Quelle: Janitza)

Alexander Veidt ist CEO bei Janitza (Quelle: Janitza)

Herr Veidt, die globale elektrische Infrastruktur wird zunehmend komplexer, dynamischer und datengetriebener. Welche Entwicklungen treiben diesen Wandel am stärksten an?

A. Veidt: Ich sehe drei Entwicklungen. Da ist zum einen die massive Elektrifizierung in Industrie, Gebäude, Mobilität und Wärmeversorgung. Zweitens die zunehmende Dezentralität und Volatilität durch die erneuerbaren Energien mit Speichern und flexiblen Verbrauchern. Drittens der steigende Bedarf an Transparenz, weil Energie heute nicht nur eine Kostenposition ist, sondern ein strategischer Produktionsfaktor.

Das alles führt zu einem grundsätzlichen Shift: Früher haben wir Energie verbraucht, heute managen wir sie. Wir müssen wissen, woher Energie kommt, wann sie verfügbar ist und wie wir sie steuern, speichern oder zurückführen. Das ist ein großer Unterschied, das komplette Energie-Ökosystem hat sich verändert.

Sehen Sie diese Herausforderungen vor allem in Deutschland und Europa, wo die Energiewende derzeit tiefgreifende Veränderungen der Energieinfrastruktur auslöst?

A. Veidt: Natürlich lassen sich die Herausforderungen in Europa klar erkennen, weil die Veränderungen hier öffentlich stark diskutiert werden, etwa durch Gesetzgebung, regulatorische Vorgaben und die gesellschaftliche Debatte rund um die Energiewende. Wir treiben aber die Internationalisierung für Janitza weltweit voran und sehen: Die Treiber für diese Veränderungen unterscheiden sich je nach Region und die Herausforderungen sind unterschiedlich. Es gibt aber keine Region, die davon ausgenommen ist.

Die Elektrifizierung bringt die Stromnetze vielerorts an ihre Grenzen. Geht es am Ende vor allem um die Frage, ob genug Energie vorhanden ist?

A. Veidt: Das ist auf jeden Fall eine zentrale Frage. Zum Beispiel kommt es nicht von ungefähr, dass ein großer OEM (Original Equipment Manufacturer) kürzlich ein stillgelegtes Atomkraftwerk gekauft hat. Das spricht Bände. Oder dass Sam Altman in Oklo investiert hat, ein Startup für kompakte Mikroreaktoren. Genauso entscheidend ist jedoch auch die Frage nach der Qualität der Energie. Das weiß nicht nur Janitza. Aber wir beschäftigen uns seit 40 Jahren mit dem Thema Power Quality und stellen fest, dass die Spannungsqualität schlechter wird.

Von welchen Phänomenen sprechen wir in diesem Zusammenhang?

A. Veidt: Da ist zum einen die Netzfrequenz. Klassische Kraftwerke erzeugen durch rotierende Massen ein physikalisch träges und stabiles Netz. Viele erneuerbare Energiequellen speisen ihre Leistung heute über Leistungselektronik und Umrichter ins Netz ein. Dadurch verändert sich das Verhalten der Netze im Vergleich zu klassischen rotierenden Großkraftwerken.

Außerdem gerät die Stabilität der Wirkleistung zunehmend unter Druck. Das ist selbst in Volkswirtschaften wie den USA ein großes Problem. Auch sehen wir vielerorts Engpässe bei der Netzinfrastruktur, etwa durch unzureichend dimensionierte Leitungen und Betriebsmittel, was die Verfügbarkeit zusätzlich beeinflussen kann.

Wie verschärfen in diesem Zusammenhang KI-Rechenzentren die Lage?

A. Veidt: Letztlich sind Rechenzentren große Verbraucher. Sie wachsen seit Jahren massiv. Gerade hier geht es zunächst um die Frage, ob genügend Energie vorhanden ist. Die neue Frage lautet aber bei KI-Rechenzentren vor allem: Haben wir die richtige Qualität der Energie zur richtigen Zeit am richtigen Ort und können wir sie zuverlässig steuern?

Darüber hinaus darf man nicht vergessen, dass Rechenzentren auch auf die Energienetze zurückwirken. Wenn beispielsweise KI-Modelle trainiert werden oder kurzfristig hohe Leistungsanforderungen entstehen, kann die Leistungsaufnahme innerhalb kürzester Zeit stark ansteigen oder wieder abfallen. Diese Lastsprünge wirken sich unmittelbar auf das Stromnetz aus.

Janitza entwickelt jetzt seit 40 Jahren Lösungen für seine Kunden. Wie entwickelt Janitza seine Produkte für diese neuen Anforderungen weiter?

A. Veidt: Wir haben mit dem Spannungsqualitätsanalysator UMG 512-PRO eine umfassende Lösung, die auf dem Markt stark positioniert ist. Außerdem steht die nächste Generation unserer Messgeräte in den Startlöchern, die genau den Phänomenen begegnet, über die wir gerade gesprochen haben.

Unser Portfolio deckt dabei alle Netzebenen ab. Wir haben für jede dieser Ebenen eine Gerätefamilie, die in der Lage ist, diese Phänomene zu erfassen, zu verarbeiten und die mit den spezifischen Charakteristika dieser Netzebenen klarkommt.

Wir haben viel über KI im Rechenzentrum gesprochen. Welche Bedeutung wird KI im Portfolio von Janitza in den nächsten Jahren bekommen?

A. Veidt: KI wird eine große Rolle spielen. Unser Vorteil ist ja: Die Janitza Lösungen generieren Daten, und Daten sind die Voraussetzung für das Training von KI-Modellen. KI kann in der Folge die großen Datenmengen fürs Steuern, Regeln und Automatisieren nutzen. Wir arbeiten bereits an konkreten KI-Anwendungen – etwa in GridVis® oder bei Planungswerkzeugen für elektrische Infrastruktur. Das alles ist schon recht konkret.

Können Unternehmen heute noch ihre Energie managen und regeln ohne den Einsatz von KI und entsprechend granularen Daten?

A. Veidt: Die für unsere Kunden relevanten Energiedaten hat Janitza bis heute in allen Gerätegenerationen sichtbar gemacht. Die Daten sind also nicht der Punkt. KI hebt aber die Auswertung dieser Massen an Messdaten auf ein ganz anderes Level und macht sie nutzbar.

Ein Beispiel: Wenn wir über Predictive und Prescriptive Maintenance sprechen, ist das Erkennen von Mustern bis heute oft sehr komplex. Wenn neben meiner Produktionsanlage alle 45 Minuten ein elektrisch betriebener Zug vorbeifährt, kann das Rückwirkungen auf empfindliche Teile meiner Anlage haben. KI könnte solche Muster erkennen und frühzeitig Hinweise auf mögliche Ursachen oder Risiken geben. Genau dafür schaffen wir mit unseren Lösungen seit Jahren die Grundlage.

Parallel zur Komplexität der Energienetze wächst weltweit der Regulationsdruck auf Unternehmen. Welche Themen treiben Ihre Kunden derzeit besonders um?

A. Veidt: Ich sehe hier zwei Hauptthemen. Das eine ist das ethisch-moralische, die Reduktion von CO2 beispielsweise und die Senkung von Energieverbräuchen, getrieben von Vorgaben und Terminen. Zweitens kann man derzeit deutlich den internationalen Einfluss regulatorischer Anforderungen beobachten. Amerikanische Behörden übertragen beispielsweise ihre Regeln faktisch auch auf mexikanische Unternehmen. Wenn diese für den US-Markt produzieren wollen, müssen sie der US-amerikanischen Regulatorik folgen.

Wo sehen Sie für Janitza in diesem dynamischen Umfeld die größten Entwicklungs- und Zukunftspotenziale für die nächsten Jahre, gerade auch international?

A. Veidt: Überall dort, wo elektrische Infrastruktur kritisch, komplex und wachstumsrelevant ist. Das betrifft Rechenzentren, aber genauso Industrie, Energieinfrastruktur, das Gesundheitswesen und große kommerzielle Gebäude. Natürlich werden wir mit Nordamerika auch weiterhin einen großen Schwerpunkt auf den weltweit größten Markt für Rechenzentren legen.

Gleichzeitig werden wir unser Geschäft weiter diversifizieren und uns strategisch für zusätzliche Branchen öffnen. Schließlich hat jede der von uns definierten Regionen weltweit ihre eigenen Herausforderungen. Wir wissen, wie wir darauf auf unterschiedliche Weise reagieren können und sind dafür gut aufgestellt.

Was heißt das genau? Und was unternimmt Janitza in den nächsten zwei, drei Jahren, um sich für diese Märkte weiterzuentwickeln?

A. Veidt: Gut aufgestellt bedeutet, dass wir schon heute die Produkte haben, die man benötigt, um die aktuellen Herausforderungen zu meistern. Die Basis stimmt. Was wir aktuell aufbauen, ist ein international flächendeckendes Vertriebsnetz.

Diese Entwicklung treiben wir mit hoher Geschwindigkeit voran, weil wir sehr nah an unseren Kunden und unseren Märkten sein wollen. Und was man nicht vergessen darf: Auch unsere Organisation im Unternehmen wird sich weiter anpassen, damit wir dieses Wachstum überhaupt realisieren können. Dazu gehören auch große Investitionen an unserem Hauptsitz in Lahnau, zum Beispiel mit unserer neuen Zukunftsfabrik. Das alles schafft die Voraussetzungen für weiteres Wachstum und noch mehr Kundennähe. 

2026 feiert Janitza sein 40-jähriges Bestehen. Was können Kunden weiterhin von Janitza erwarten?

A. Veidt: 40 Jahre Janitza sind für uns Anlass zum Rückblick, und gleichzeitig der Ausgangspunkt für die nächste Entwicklungsstufe. Über all die Jahre haben wir einen Qualitäts- und Innovationsanspruch entwickelt, mit dem unsere Kunden auch weiter rechnen können. Gleichzeitig arbeiten wir intensiv daran, technologisch weiterhin zu den führenden Unternehmen der Branche zu gehören.

Unsere Kunden können sich also darauf verlassen, dass wir mit unserer Energiemesstechnik der innovative Spezialist in diesem Bereich bleiben. Das ist unsere Leidenschaft, die man in unseren Lösungen und in der Zusammenarbeit auch spürt. Für uns stehen die Anforderungen unserer Kunden und die Lösung konkreter Herausforderungen im Mittelpunkt. Genau dafür wird Janitza auch künftig stehen.

Joachim Bär ist Content Manager International Marketingkommunikation bei der Janitza electronics GmbH

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