Interview mit Matthias Müller, Leiter Produktmanagement Schaltschränke bei Rittal
Die bisherigen Kompaktschaltschränke und die Kleingehäuse sind überaus erfolgreiche Produkte im Rittal-Portfolio. Warum jetzt eine Neuentwicklung in diesem Bereich?
M. Müller: Die Welt unserer Kunden verändert sich, und damit die Kundenanforderungen. Harter globaler Wettbewerb, Fachkräftemangel und nicht zuletzt die Digitalisierung erfordern einen neuen Blick auf die gesamten Auftrags abwicklungs- und Fertigungsprozesse und nicht zuletzt auf das Produkt selbst. Da wir uns nie mit dem Erreichten zufriedengeben, entwickeln wir unser System folgerichtig im Dialog mit den Kunden weiter.
Können Sie Beispiele für die neuen Anforderungen nennen?
M. Müller: Daten sind im Umfeld von Industrie 4.0 eine wichtige Ressource, sei es zum Verbessern eines Produkts oder nur zum Überwachen eines reibungslosen Herstel lungs prozesses. Diese Daten transportieren häufig Informationen, die Sensoren in der Maschine oder Anlage aufnehmen. Die Digitalisierung führt dazu, dass manchmal mehrere Hundert Sensoren in einer Maschine verbaut sind. Die zugehörigen Komponenten – beispielsweise Klemmen oder Feldbusmaster – kommen in der Regel in einem Gehäuse unter. Da die Komponenten noch dazu immer kleiner werden, steigt die Packungsdichte in den Gehäusen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, eine größere Anzahl Leitungen in das Gehäuse einführen zu können. Dies haben wir bei den neuen Kompaktschaltschränken der Serie AX und den Kleingehäusen der Serie KX durch neue, bis zu 35 % größere Flanschplatten gelöst, die mehr Platz bieten als in den Vorgängermodellen. Heute ist es häufig so, dass die zur Kabeleinführung erforderlichen Öffnungen nicht alle auf der Flanschplatte Platz haben. Die Folge ist, dass zwei Teile, Flanschplatte und Gehäuse bearbeitet werden müssen. Bei den neuen, größeren Flansch platten kann in den meisten Fällen die Bearbeitung der Gehäuse entfallen.
Gibt es neben der Erfüllung von Anforderungen aus den Anwendungen noch weitere Vorteile, die die internen Prozesse Ihrer Kunden – die Schaltanlagenbauer – betreffen?
M. Müller: Ja natürlich, bei unseren Neuentwicklungen ist immer eines der wichtigsten Ziele, unseren Kunden die Arbeit zu vereinfachen. Das fängt schon beim Auftrags prozess an. Das Rittal Configuration System liefert neben den 3D- Modellen und den Daten für die Maschinenbearbeitung gleich die Stückliste und die Preisliste mit. Nach Order wird in der Regel in 24 Stunden geliefert, sodass keine großartige Lager haltung beim Kunden erforderlich ist. Noch ein typisches Beispiel, das zeigt, wie tief wir gedanklich in die Prozesse unserer Kunden einsteigen, ist die Lieferung an sich. Bei den neuen KX und AX sind sämtliche Flachteile, wie Türen und Flanschplatten, bei der Lieferung einzeln entnehmbar. Für die Bearbeitung muss der Kunde diese also nicht erst demontieren. Das kostet wertvolle Zeit, vor allem bei einem Mengenprodukt wie den Kompakt- und Kleingehäusen. In der Werkstatt des Schaltanlagenbauers können diese Teile dann direkt auf einem Bearbeitungszentrum bearbeitet werden, die Daten sind ja durch die Konfigurierung bereits vorhanden. Im Anschluss muss jede Tür und jede Flanschplatte wieder dem passenden Projekt zugeordnet werden. Hier helfen die QR-Codes mit den Projektdaten, die jetzt standardmäßig auf allen Teilen angebracht sind.
Die Internationalisierung ist ja bei vielen Unternehmen ein wichtiges Thema. Welche Möglichkeiten bieten hier die neuen Serien – Stichwort UL-Zulassung?
M. Müller: Selbstverständlich sind auch alle neuen Kompaktgehäuse und Kompaktschaltschränke UL-konform. Die neuen Serien bieten aber noch mehr für Firmen, die international tätig sind: Die UL-Konformität bleibt auch dann erhalten, wenn zusätzliches Zubehör in die Gehäuse eingebaut wird. Hier haben wir sehr clevere konstruktive Lösungen entwick elt, die unter anderem dafür sorgen, dass das Zubehör in den AX-Kompaktschaltschränken eingebaut werden kann, ohne dass dafür Bohrungen notwendig sind; Gleiches gilt auch für die Wandhalterungen. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass die Schutzart dabei erhalten bleibt.
Wie sieht es mit der Lieferfähigkeit und den Lieferzeiten für die neuen Kompaktschaltschränke und Kleingehäuse aus?
M. Müller: Die Kompaktschaltschränke AX und die Klein gehäuse KX werden in unserem neuen Werk in Haiger produziert und sind ab Juli in Deutschland lieferbar. Zusammen mit dem Global Distribution Center nebenan ist die Prozesskette "Vom Kunden zum Kunden" quasi voll automatisiert. So erhalten sie etwa die neuen Produkte ab Lager in der Regel innerhalb von 24 Stunden in Deutschland. Das 24-Stunden-Lieferversprechen wird sukzessive auf Europa ausgeweitet. Das schafft Schnelligkeit sowie Sicherheit und spart Kosten.