Tradition weiterbauen: Elektrotechnik im Denkmal (Quelle: Henrik Schipper)
Der Umgang mit denkmalgeschützter Architektur ist immer auch eine Auseinandersetzung mit Zeit, Geschichte und Identität. Er verlangt Sensibilität im Detail, Respekt vor der gewachsenen Struktur und zugleich den Mut, historische Substanz in die Gegenwart zu überführen. Zwischen Erhalt und Erneuerung entsteht ein Spannungsfeld, das technisch, funktional und ästhetisch Raum für Neues eröffnet. In dieser Balance zwischen Bewahren und Weiterdenken zeigt sich, wie relevant gutes Design und präzise Gebäudetechnik auch im historischen Kontext sind.
Wenn Altbauten revitalisiert oder Denkmale umgenutzt werden, geht es längst nicht mehr nur um den Erhalt von Fassaden oder handwerklicher Details. Gefragt sind integrative Lösungen, die historische Qualität und zeitgemäßen Komfort vereinen – von Energieeffizienz und Barrierefreiheit bis zur subtilen Integration moderner Technik. Dabei müssen alle Eingriffe mit größter Zurückhaltung erfolgen. Die Technik soll nicht dominieren, sondern die architektonische Idee unterstützen.
„JUNG im Denkmal“ steht für eine Haltung, die historische Substanz nicht konserviert, sondern in einen lebendigen Dialog mit der Gegenwart bringt.
Das Türwachterhaus in Ingolstadt
In direkter Nachbarschaft zum mittelalterlichen Taschenturm in Ingolstadt wurde von Büro Mühlbauer ein lange leerstehendes Denkmal-Ensemble mit Feingefühl und Substanzbewusstsein zu neuem Leben erweckt: Das Thürwachterhaus, ein ehemaliger Stadtbauernhof aus dem 16. Jahrhundert, ist ein mutiges und trotzdem sensibles Beispiel für modernes Wohnen in historischer Bausubstanz. Es zeichnet sich durch eine kompromisslose Materialehrlichkeit, handwerkliche Präzision und die sensible Verbindung von Alt und Neu aus. Die Gestaltung folgt einer reduzierten, fast asketischen Formensprache, die die historische Substanz respektiert und gleichzeitig eigenständige, räumliche Qualitäten schafft.
Aufgabe der Revitalisierung war es, die teils marode Bausubstanz mit den Anforderungen an modernen Wohnkomfort und Energieeffizienz in Einklang zu bringen. Der Hof, bestehend aus Wohnhaus, Stadel und Innenhof, wurde zwischen 2019 und 2024 umfassend saniert und umgebaut. Entstanden sind drei Wohnungen mit insgesamt 180 m² Wohnfläche im Wohnhaus sowie eine eigenständige, über drei Geschosse führende Wohnung mit 90 m² Fläche in der einstigen Scheune.
Ein besonderes Augenmerk galt der konstruktiven Ertüchtigung des ehemaligen Stadels, dessen Mauerwerk instabil geworden war. Um eine zeitgemäße Wohnnutzung zu ermöglichen, wurde zunächst eine Dämmebene ergänzt und anschließend eine neue, innere Betonschale eingefügt, sodass die annähernd 200 Jahren alten Mauern unangetastet blieben. Die Betonschale übernimmt nun zwei zentrale Funktionen: Sie dient als Tragstruktur und als gestaltgebendes Element im Innenraum.
Der Innenausbau folgt einer reduzierten Linie. Die Möblierung ist minimalistisch, fest eingebaut und auf das Nötigste beschränkt. Die Räume wirken ruhig, konzentriert und meditativ, getragen von der Haptik und Optik der eingesetzten Materialien: Sichtbeton mit sägerauer Bretterschalung, naturbelassenes Holz und Glasbausteine. Der Kontrast zwischen warmem Holz und kühlem Beton wird nicht gegeneinander ausgespielt, sondern als harmonisches Spannungsfeld inszeniert. Licht wird gezielt geführt und gebrochen – durch transluzente Flächen oder Schlitze im Beton. Technische Einbauten, wie die Elektroinstallation mit dem Jung-Programm LS 990 in Alpinweiß, sind präzise integriert, ohne die gestalterische Klarheit zu stören. Der schlichte Flächenschalter wurde direkt auf dem Sichtbeton oder dem unbehandelten Holz installiert.